Wenn dein Körper dir zeigt, wie viel du trägst

Wenn dein Körper dir zeigt, wie viel du trägst

June 07, 20264 min read

Wenn dein Körper dir zeigt, wie viel du trägst

Viele Frauen, die zu mir kommen, erzählen mir zunächst von ihrem Alltag. Von der Arbeit, von den Kindern, von den vielen Aufgaben und Verantwortungen. Sie erzählen davon, dass immer etwas zu erledigen ist und dass sie oft das Gefühl haben, für alles zuständig zu sein.

Und wenn ich sie frage, wie es ihnen geht, sagen viele erst einmal:

„Eigentlich ganz gut.“

Sie funktionieren, sie machen ihre Arbeit, sie kümmern sich, sie organisieren, sie tragen Verantwortung. Sie sind immer beschäftigt. Und genau deshalb fällt oft lange gar nicht auf, wie viel Energie das alles kostet. Man merkt es nicht mitten im Alltag. Oft bemerken Frauen erst abends, wenn endlich etwas Ruhe einkehrt, dass der Nacken fest ist, die Schultern verspannt, der Rücken schmerzt. Oder morgens beim Aufwachen, wenn das Aufstehen schwerfällt und du dich wie erschlagen fühlst.

Vielleicht kennst du das auch.

Dabei ist das Interessante: Viele Frauen denken das ist normal. Verspannte Schultern gehören zum Alltag, der verspannte Nacken ist halt so, der Rücken tut halt immer weh. Weil es nicht einen Zeitpunkt gab, wo die Verspannungen kamen sondern weil sich sich langsam und leise entwickelt haben. Erst nur ganz wenig, da konnte man drüber wegsehen, das aushalten. Und dann wurds immer mehr, dein ständiger Begleiter. Die Härte und Spannung im Körper wird oft so selbstverständlich, dass sie gar nicht mehr auffällt. So als würde sie zu dir gehören. Dabei muss das nicht sein. Du kannst sie auch wieder loslassen, wenn du sie als Signal deines Körpers siehst. Als würde dein Körper mit dir sprechen und dir Hinweise geben, hier mutest du dir zu viel zu.

Und genau deshalb lohnt es sich, immer wieder einmal innezuhalten und hinzuspüren. Wie fühlt sich dein Nacken gerade an? Wie fühlen sich deine Schultern an? Kannst du tief durchatmen? Oder hältst du vielleicht mehr fest, als dir bewusst ist?

In einer meiner Gruppen sagte eine Teilnehmerin einmal sinngemäß: „Ich dachte eigentlich, mir geht es ganz gut. Erst als ich angefangen habe hinzuspüren, habe ich gemerkt, wie viel Spannung da eigentlich ist.“

Das erlebe ich immer wieder. Wir gewöhnen uns an vieles. Auch an Daueranspannung, auch an Druck, daran, immer weiterzumachen. Und irgendwann merken wir gar nicht mehr, dass unser Körper die ganze Zeit versucht, uns etwas mitzuteilen.

Ich kenne das selbst sehr gut.

Früher war ich unglaublich verspannt. Mein ganzer Rücken mit Nacken und Schultern waren ständig fest. Natürlich wusste ich, dass Bewegung hilfreich wäre. Also habe ich versucht, Gymnastik zu machen. Aber ehrlich gesagt: Es tat weh, richtig weh. Schon einfache Übungen waren nicht nur unangenehm, sondern richtig schmerzhaft, einfach, weil alles so fest und hart war. Also habe ich wieder aufgehört.

Das Problem dabei ist nur: Die Spannung verschwindet nicht von allein.

Wenn wir immer weiter Druck aufbauen und nie etwas lösen, kommt oft einfach immer noch etwas dazu. Noch ein stressiger Tag. Noch eine Verantwortung. Noch etwas, das getragen werden möchte. Und so wird die Last mit der Zeit immer größer. Und es wird immer schwieriger, etwas dagegen zu tun. Dieser Teufelskreis hat dazu geführt, dass ich meinen Körper als Gegner gesehen habe, der es mir schwer macht.

Heute sehe ich meinen Körper anders.

Wenn mein Nacken verspannt ist oder meine Schultern schmerzen, dann sehe ich das nicht mehr als etwas, das bekämpft werden muss. Ich sehe es als eine Botschaft, einen liebevollen Hinweis: Mein Körper zeigt mir, dass etwas zu viel geworden ist. Dass ich zu viel zu lange getragen habe, zu lange stark war, zu lange weitergemacht habe.

Und genau dort beginnt Veränderung.

Nicht damit, dass wir noch mehr leisten, dass wir noch disziplinierter werden.

Sondern damit, dass wir wahrnehmen, dass wir wieder lernen hinzuspüren, dass wir unserem Körper zuhören. Und uns und unserem Körper erst einmal etwas Entlastung schenken.

Eine kleine Übung, die ich sehr mag, ist dabei erstaunlich einfach.

Vielleicht hast du schon einmal gesehen, wie Pferde Spannung loslassen. Sie atmen genüsslich aus und lassen dabei die Lippen flattern. Es sieht fast lustig aus. Wenn ich das sehe, freue ich mich, mein Herz geht auf, ich muss lächeln, es ist ansteckend. Und es ist eine wunderbare Art, Anspannung aus dem Körper zu entlassen.

Du kannst das selbst ausprobieren.

Atme tief ein.

Und dann lass die Luft mit lockeren Lippen wieder hinausströmen.

Prrrrr ...

Oder etwas menschlicher, atme tief ein und lass die Luft mit einem hörbaren Seufzer wieder hinaus.

Ahhh ... Puuhhh

Nicht schön.

Nicht perfekt.

Einfach loslassen.

Mach das zwei- oder dreimal hintereinander.

Und dann spür nach.

Vielleicht sinken die Schultern ein wenig. Vielleicht wird der Kiefer weicher. Vielleicht atmest du etwas tiefer.

Vielleicht verändert sich erst einmal gar nicht viel. Auch das ist in Ordnung. Es geht nicht darum, etwas zu erzwingen. Es geht darum, wieder in Kontakt mit dir selbst zu kommen, mit der Bereitschaft, wahrzunehmen, was da ist.

Und vielleicht beginnt genau dort der Weg zu mehr Leichtigkeit. Nicht mit einem großen Umbruch, sondern mit einem Moment des Innehaltens, mit einem tiefen Atemzug, mit einem befreienden Loslassen.

Wenn wir beginnen hinzuhören, kann sich mehr verändern, als wir oft glauben.

Nicht von heute auf morgen. Aber Schritt für Schritt. Und manchmal beginnt alles mit einem einzigen Moment, in dem wir wahrnehmen: So möchte ich nicht weitermachen.

Es darf leichter werden.

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