einen Moment innehalten

Lass es gut sein – was mein Pferd mich über das Aufhören im richtigen Moment lehrt

September 17, 2026•5 min read

Neulich hat mich eine Situation mit meiner Reitbeteiligung zum Nachdenken gebracht.

Wir waren auf der Reitbahn. Rechts galoppiert er immer richtig an. Links nicht immer, manchmal geht er in Aussengalopp - so auch bei unserem letzten Reiten vor dem Urlaub.

Also dachte ich mir an diesem Tag: Gut, wichtig ist, entspannt bleiben, einfach die Hilfen (für Nichtreiter: die Aufforderung) bewusst geben und wir schauen einfach mal, was passiert – und schwuppdiwupp, er sprang richtig an.

Ich war ein wenig überrascht, hab mich richtig gefreut und ihn natürlich gleich gelobt mit der Stimme und einem Klopfen am Hals. Das ist beim Reiten für mich selbstverständlich. Wenn mein Pferd etwas richtig macht, soll es möglichst unmittelbar merken: Ja, genau das war gut.

Ein bisschen später ergab sich im Rahmen unserer normalen Arbeit noch einmal die Gelegenheit, links anzugaloppieren. Wieder sprang er richtig an. Wieder habe ich mich gefreut und ihn gelobt. Und als wir es ein drittes Mal machten, klappte es wieder.

Dreimal richtig angesprungen.

Und da war für mich klar: Jetzt lass es gut sein.

Beim Pferd weiß ich, wann es genug ist

Wenn Pferde etwas gut machen, gehört es für mich dazu, nicht endlos mit genau dieser Übung weiterzumachen. Nicht noch einmal und noch einmal und noch einmal - vielleicht so lange, bis das Pferd müde oder unkonzentriert wird und am Ende doch etwas schiefgeht.

Ich habe beim Reiten gelernt, möglichst mit etwas Gutem aufhören. Das Pferd wird gelobt und darf mit einer guten Erfahrung aus dieser Übung herausgehen. Danach kann die normale Routine weitergehen.

Für mich war deshalb klar: Das darf jetzt einfach gut sein.

Und während ich so darüber nachdachte, fiel mir etwas auf:

Mit meinem Pferd gehe ich in solchen Situationen ganz anders um als mit mir selbst.

Wenn etwas gut läuft, mache ich einfach weiter

Wenn ich selbst bei der Arbeit etwas richtig gut gemacht habe, komme ich erstaunlich selten auf die Idee, diesen Moment bewusst wahrzunehmen.

Vielleicht habe ich eine Aufgabe fertiggestellt, an der ich länger gearbeitet habe. Vielleicht habe ich endlich eine Lösung für etwas gefunden, das vorher schwierig war. Vielleicht ist ein Gespräch richtig gut gelaufen oder ich war bei einer Aufgabe wunderbar im Fluss und bin mit dem Ergebnis wirklich zufrieden.

Was passiert dann?

Sehr häufig geht mein Blick sofort zur nächsten Aufgabe. Gut, fertig. Was steht als Nächstes an? Das könnte ich noch erledigen. Und wenn das schnell geht, könnte ich vielleicht auch noch mit dem nächsten Punkt anfangen.

Gerade wenn wir gewohnt sind, viel zu leisten und viel im Blick zu behalten, kann das ganz automatisch passieren. Wir müssen uns dafür nicht einmal bewusst antreiben. Der Blick wandert einfach weiter zu dem, was noch offen ist.

Und so kann ein richtig guter Moment innerhalb weniger Sekunden wieder verschwunden sein.

Das finde ich eigentlich schade.

Denn beim Pferd weiß ich ganz selbstverständlich, wie wichtig das Lob ist. Ich warte nicht eine halbe Stunde und sage dann: Ach übrigens, das Angaloppieren vorhin war richtig gut. Ich lobe ihn in dem Moment, in dem es passiert.

Warum sollte ich nicht auch bei mir selbst einen guten Moment wahrnehmen, wenn er gerade da ist?

Es geht nicht darum, nach jeder gelungenen Aufgabe Feierabend zu machen

Natürlich kann ich dieses Prinzip aus dem Pferdetraining nicht eins zu eins auf meinen Arbeitsalltag übertragen. Wenn ich morgens um zehn eine Aufgabe besonders gut erledigt habe, kann ich schlecht sagen: Das war super, jetzt mache ich Schluss für heute.

Darum geht es mir auch nicht.

Es geht vielmehr um diesen kleinen Moment zwischen zwei Aufgaben. Um ein kurzes Innehalten, bevor ich schon wieder beim Nächsten bin.

Das habe ich gut gemacht. Damit bin ich zufrieden. Das darf jetzt für einen Moment einfach gut sein.

Das klingt so selbstverständlich. Und trotzdem fällt es vielen von uns viel leichter, einen Fehler noch einmal im Kopf durchzugehen als etwas Gelungenes.

Wenn etwas nicht so läuft, wie wir es wollten, beschäftigen wir uns manchmal noch lange damit. Wir überlegen, was wir anders hätten machen können, ärgern uns über einen Fehler oder denken über einen unbedachten Satz noch Stunden später nach.

Wenn etwas dagegen richtig gut läuft, bekommt es manchmal nur ein kurzes inneres Häkchen: erledigt.

Und weiter.

Vielleicht dürfen wir auch dem Guten ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken.

Ich mag dafür dieses Bild:

Eine kleine Insel im Alltag

Ein Moment, in dem etwas gelungen ist. Ein Gespräch, mit dem ich zufrieden bin. Eine Aufgabe, die endlich abgeschlossen ist. Etwas, das mir leichter gefallen ist als erwartet. Oder vielleicht auch etwas, bei dem ich merke: Das hätte ich früher ganz anders gemacht. Heute bin ich anders damit umgegangen.

Solche Momente dürfen wir wahrnehmen, ohne uns einzureden, dass deshalb alles perfekt ist oder wir Schwierigkeiten und Fehler ausblenden müssten. Beides darf nebeneinander existieren.

Aber wenn unser Blick sehr schnell auf das fällt, was noch nicht erledigt ist, was besser sein könnte oder was als Nächstes kommt, dürfen wir vielleicht ganz bewusst üben, auch dem anderen einen Platz zu geben:

Das war gut.

Vielleicht ist genau das eine Form von innerer Freundlichkeit, die wir im Alltag leicht vergessen.

Probier es einmal aus

Wenn dir heute etwas gelingt oder du eine Aufgabe abschließt, mit der du zufrieden bist, geh nicht sofort weiter.

Halte für einen Moment inne.

Leg eine Hand auf dein Herz und atme ein paarmal ruhig ein und aus. Richte deine Aufmerksamkeit ganz bewusst auf das, was gerade gut gelaufen ist.

Sag dir:

Das habe ich gut gemacht.

Das ist fertig.

Damit bin ich zufrieden.

Das darf sich jetzt einen Moment gut anfühlen.

Und schenk dir vielleicht selbst ein kleines Lächeln.

Du musst daraus keine große Übung machen. Es geht nicht darum, ein bestimmtes Gefühl herstellen zu müssen. Vielleicht spürst du Freude oder Stolz. Vielleicht ist es einfach nur ein kleiner Moment von Zufriedenheit. Auch das reicht.

Bleib für ein paar Atemzüge bei diesem Moment, statt ihn gleich mit dem nächsten Gedanken oder der nächsten Aufgabe zu überdecken.

Vielleicht möchtest du dir vorstellen, dass du diesen guten Moment ein kleines bisschen in dir verankerst. Nicht im Sinne von: Ab jetzt muss ich mich immer gut fühlen. Sondern einfach als bewusste Erinnerung daran, dass dein Blick nicht nur auf das gerichtet sein muss, was fehlt, schwierig ist oder noch erledigt werden soll.

Und wenn du abends auf deinen Tag zurückblickst, ist da vielleicht nicht nur die Frage: Was hätte besser laufen können und was ist noch zu tun?

Sondern auch:

Da war etwas gut.

Und dieses gute Gefühl darf dich ein Stück weitertragen.

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